Vielfalt der Formen, Vielfalt der Materialien
Copyright Hugo Maertens
| Couteau-Benedicite Serviermesser; Klinge mit eingravierten Noten/Text eines lateinischen Trinklieds; Griff aus Elfenbein mit Verzierung aus Knochen, Horn und Messing; Italien, 16. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
Couteau-bois Messer; Holz, Messing und Eisen, Niederlande um 1500 Copyright Hugo Maertens |
| Couteau-fourchette-Adam-Eve Messer und Gabel; Elfenbein, Horn, Lack und Eisen, Frankreich oder Niederlande, spätes 16. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
Couteau-fourchette Messer und Gabel; Elfenbein, Silber und Eisen, Deutschland, um 1700 Copyright Hugo Maertens |
| Couteau-cerf Messer; Hirschhorn, vergoldetes Silber und Eisen, Leder, Deutschland/ Österreich, 1750-1760 Copyright Hugo Maertens |
Couteau-corail Vorschneidemesser; vergoldete Bronze, Koralle, Silber und Eisen, Italien (Sizilien), 17. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
1) Exquisite Materialien: Koralle, Schildpatt, Kristall
Alles, um aufzufallen! Vor allem im 17. Jahrhundert experimentieren Messerschmiede mit teuren und seltenen Materialien für Besteckgriffe und Laffen: Korallen, Bergkristall, Schildpatt, sogar Walknochen und Hirschhorn. Für Prunklöffel werden Laffen aus seltenen Muscheln in Silber gefasst und mit Muschelgriffen versehen; für Köcher und Etuis kommt Haifischhaut zum Einsatz. Für den täglichen Gebrauch eignen sich diese Kostbarkeiten kaum; viele werden über Jahrhunderte in der «Wunderkammer» aufbewahrt.
2) Elfenbein – gibt den Fantasien Form
Sowohl für Griffe wie für Köcher stellt Elfenbein vom Stosszahn des afrikanischen oder indischen Elefanten das ideale Material dar. Es ist dauerhaft und trotzdem relativ leicht zu bearbeiten. Und so wie der ebenfalls verwendete Walrosszahn ist es rar und entsprechend teuer, verleiht also Prestige. Das Material erlaubt zudem Schnitzereien mit feinsten Details. Dies wird auffallend häufig für «frivole» Themen genützt: barbusige junge Frauen oder leicht bekleidete Liebespaare in inniger Umarmung, manche gar mit entblösstem Geschlecht. Selbst das biblische Motiv von Adam und Eva dient gerne als Vorwand für Nacktszenen.
| Couteau-lame-fourchette Kombination Messer/Gabel für Einarmigen; Weissmetall und Eisen, Frankreich (Saint-Etienne), 1889 Copyright Hugo Maertens |
Cuiller-apotres Silberner Apostellöffel; Niederlande (Enkhuizen), 1655 Copyright Hugo Maertens |
Cuiller-apparat Löffel; Perlmutt und vergoldetes Silber, südliche Niederlande, um 1600 Copyright Hugo Maertens |
3) Aussergewöhnliche Einzelstücke
Im 18. Jahrhundert steigt Frankreich bei den Klapp- oder Taschenmessern zum Marktführer auf. Dabei half die Mode: Herren der guten Gesellschaft führten neben einer reichverzierten Schnupftabakdose und einem schmucken Spazierstock stets auch ein hübsches Taschenmesser mit. Das Repertoire der Pariser Messerschmiede schloss weiter Spezialgeräte zum medizinischen Gebrauch, für Kosmetik oder Friseure ein. Dazu trug das 1771 erschienene Standardwerk L’art du coutelier bei (Autor: J.J. Peret). Zu den französischen Spezialanfertigungen gehören auch Messer- und Gabelkombinationen für Einarmige, bei denen die Klinge in fünf Zinken ausläuft. Sie wurden nach dem preussisch-französischen Krieg von 1870/71 in grösserer Zahl gefertigt.
4) Prunklöffel für die Vitrine
Kaum einer dieser prunkvollen Löffel des 17. Jahrhunderts war je bei einer Mahlzeit in Gebrauch. Meister in Prag, Venedig oder Augsburg lieferten sie eigens für die «Wunderkammern» oder Raritätenkabinette von Fürsten- und Königshöfen. Hier wurden sie den staunenden Gästen in einer Vitrine präsentiert. «Exotische» Materialien wie Korallen, Elfenbein oder Perlmutter sollten den Eindruck des Wundersamen und Mysteriösen verstärken, ebenso Laffen aus ganzen Muscheln oder vollständig aus Glas gefertigte Löffel.
| Cuiller-argent-Art-Moderne Tafelbesteck aus Silber; Frankreich, um 1930 Copyright Hugo Maertens |
Cuiller-Communion Kommunionslöffel aus Buchsbaum; Deutschland, 2. Hälfte 17. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
Cuiller-laiton Messinglöffel, südliche Niederlande; 15. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
5) Holzlöffel – mehr als nur Kellen
Für den Alltag muss ein einfacher, kellenartiger Holzlöffel genügen. Für kirchliche Anlässe und Bräuche entstehen aber prächtige Einzelstücke mit reichen Schnitzereien. Ein klappbarer Pilgerlöffel weist einen Griff in der Form der Laffe auf; Vorder- und Rückseite zeigen zwei Szenen mit dem Drachentöter St. Georg. Ein Kommunionslöffel zeigt auf bloss 20 Zentimetern Länge ein ganzes Bildprogramm zur Leidensgeschichte Christi, ergänzt mit mehreren geschnitzten Inschriften. Solche Kunstwerke waren eher Erinnerungsstück als Gebrauchsgegenstand.
6) Löffel – vom Napf zum handlichen Gerät
Das friedlichste aller Essgeräte ist unentbehrlich für Suppe, Mus und Brei. Es entwickelt sich aus einem Napf mit kurzem Stiel, in den sich mehrere Tischgenossen teilten. Die ersten Löffel um 1400 haben kurze Griffe und sind meist aus Holz geschnitzt. Später verlängern sich die Griffe und man probiert neue Materialien aus, vor allem Bronze und Silber. Das Ende des Griffs wird gerne mit Figuren verziert: Apostel, Heilige, Madonna mit Kind.
| Fourchette-cerf Gabel; Hirschhorn, Silber und Eisen, Deutschland, 18. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
Fourchette-corne Gabel; Horn, Messing und Eisen, Italien, spätes 16. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
Fourchette-ivoire Gabel; Elfenbein, Silber und Eisen, Niederlande, um 1700 Copyright Hugo Maertens |
| Fourchette-laiton Gabel; Messing, Perlmutter, Glas und Eisen, Frankreich oder Venedig, 1622 Copyright Hugo Maertens |
Fourchette-or Gabel; Gold, Email und Eisen, Niederlande (Amsterdam), Mitte 17. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
Fourchette-serpentine Dessertgabel; Serpentin, Silber und Eisen, Russland, frühes 19. Jhdt. Copyright Hugo Maertens |
7) Platzsparendes Minimum:
Klapp- und Reisebestecke - Das klassische «Trio» aus Klappmesser, -gabel und -löffel im Lederetui nimmt kaum mehr Platz ein als ein heutiges Brillenfutteral. Es kommt im 18. Jahrhundert auf und kann auf Reisen bequem in der Jackentasche mitgeführt werden: Noch besteht keine Garantie, dass im ländlichen Gasthaus entsprechendes Besteck bereitliegt. Die Messerschmiedeentwickeln raffinierte platzsparende Lösungen: Multi-Use-Griffe mit aufschraubbarem Aufsatz oder zwei Griffe mit Vertiefungen, in welche das Oberteil des entsprechenden Gegenstücks passt. Für Offiziere wird ein «Feldbesteck» mit Klappmesser, -gabel und -löffel sowie Kaffeelöffel und Silberbecher entwickelt, das samt Korkzieher sowie Salz- und Pfefferstreuer in einem Lederbecher Platz findet. Die niederländischen Messerschmiede entwickeln eine klappbare Spezialität, bei der Löffel und Gabel in einem einzigen Gerät kombiniert werden. Auch England, klassisches Land des Picknicks und der Jagdpartien, bietet Reisebestecke und Etuis in den unterschiedlichsten Formen an.
Die Familie des Zürcher Landvogts Hans Konrad Bodmer hat sich um einen grossen Tisch versammelt, der – nach heutigen Begriffen – recht einfach gedeckt ist. Zu jedem Platz gehört ein Teller und ein Becher. Löffel liegen in kleinen Gruppen auf dem Tisch bereit. Die Mädchen zur Linken der Hausfrau erhalten als Besteck ein Messer, die grösseren Knaben eine zweizinkige Gabel dazu. Nur bei den Eltern am Kopfende liegen Messer, Gabel und Löffel auf dem dazugehörigen Etui bereit.
Sind wir alle Meister von Gabel und Messer? Weit gefehlt! Laut Statistik der Welternährungsorganisation FAO nimmt über die Hälfte der Erdbevölkerung ihre Nahrung mit den Fingern zu sich. Nächstgrösste Gruppe sind die Benützer von Essstäbchen. Nur rund ein Sechstel aller Essenden – etwas mehr als eine Milliarde – nimmt Gabel, Messer und Löffel zu Hilfe. Aber auch in der westlichen Welt haben sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Essgewohnheiten massiv verändert, dies vor allem unter amerikanischem Einfluss. Der Schnellimbiss vom Burger- oder Kebabstand, die Wurst von der Wurstbude werden von Hand verzehrt. Auch beim Apéro im gepflegten Rahmen werden Häppchen als «Fingerfood» gereicht, das kein Besteck erfordert. Damit schliesst sich, historisch gesehen, der Kreis: Beim mittelalterlichen Bankett teilte der Vorschneider das Fleisch in mundgerechte Häppchen und legte es den Gästen vor.
Wie stark das Essen und die dazu benützten Geräte unseren Alltag prägen, zeigt die Vielfalt von Redewendungen und Sprichwörtern, die sich auf das Besteck beziehen. Er ist mit einem silbernen Löffel im Mund geboren, sagt man von jemandem, der in wohlhabenden Verhältnissen aufwuchs und vom materiellen Glück verwöhnt wurde. Mir sitzt das Messer an der Kehle heisst: Ich bin in einer bedrohlichen Lage. Naturgemäss haben viele Redensarten direkt mit dem Essen zu tun. Er isst mit der fünfzinkigen Gabel heisst es spöttisch von jemandem, der bei Tisch die Finger zu Hilfe nimmt.
Im Mittelalter und darüber hinaus begnügte man sich damit, das selbst mitgebrachte Besteck sauberzulecken oder an der Serviette abzuwischen. Vom 17. Jahrhundert an hielten die Gastgeber Geschirr und Besteck bereit. Jetzt kam man nicht mehr ums Abwaschen herum. In vornehmen Haushalten spielte es sich sogar im Speisesaal und unter Aufsicht der Dame des Hauses ab: Die teuren Teller und Gläser sollten nicht Schaden nehmen, die kostbaren Besteckgriffe trocken bleiben!
Diskretion und Eleganz: die Tischmanieren
Schon die ältesten Schriften machen aus der Beherrschung der Tischsitten eine moralische Frage. Wer sich ins Tischtuch schneuzt oder Knochen auf den Boden wirft, so heisst es im Mittelalter, ist der Gesellschaft gut erzogener Menschen und – vor allem – der Damen nicht würdig.
Für weitere Informationen:
Alimentarium – Musée de l'alimentation
Quai Perdonnet, CP 13
1800 Vevey (Schweiz)
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Fax: +41 (0)21 924 45 63
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