Entdecken Sie die Welt des Bestecks
Wie bringe ich die Speise vom Napf oder Teller in den Mund? Seit wann gibt es Gabel, Messer und Löffel, die uns heute so selbstverständlich scheinen? Fragen, die uns in alle möglichen Richtungen führen: zurück in vergangene Jahrhunderte, zu unterschiedlichen Kulturen und Völkern oder zum Benimm-Buch des Freiherrn von Knigge.
Mit der Sonderausstellung Bestecke entdecken schärft das Museum der Ernährung unseren Blick für die faszinierende Welt des Essbestecks. In ihrem Mittelpunkt steht die Sammlung des belgischen Spezialisten Jacques Hollander, die grösste private Kollektion ihrer Art. Ihre über 500 Objekte und Objektgruppen reichen vom gotischen Messergriff aus dem 14. Jahrhundert bis zum modernen
Bestecktrio aus rostfreiem Stahl. Geschnitzte Bauernlöffel aus Holz, raffinierte klappbare Reisebestecke des Rokoko und kostbare Einzelstücke aus Gold, Perlmutter und Kristall führen uns vor Augen, wie viel Kunstsinn über die Jahrhunderte hinweg darauf verwandt wurde, aus den Essgeräten kleine Bijoux für die Tafel zu gestalten.
Die Ausstellung im Alimentarium erweitert die kunsthandwerkliche Betrachtungsweise der Sammlung Hollander ins allgemein Kulturhistorische, dies mit Inszenierungen, thematischen Nischen und audiovisuellen Programmen. Wie hat sich die Esstafel seit der Renaissance verändert? Welche Formen und Praktiken finden sich ausserhalb des westlichen Kulturkreises? Was bedeutet die heutige Rückkehr zum Fastfood, das im Stehen verzehrt werden kann? Wie beeinflusst das Essbesteck unsere Sprache, ihre Redensarten und Sprichwörter? Wie wurde sein Gebrauch erlernt, seit wann gibt es Tischsitten, welche Bedeutung haben die umständlichen Vorschriften in den Benimm-Büchern des 19. Jahrhunderts heute noch?
Bestecke entdecken - ein Augenschmaus und zugleich eine vergnügliche Reise durch ein faszinierendes Stück Kulturgeschichte!
1400-1600 Das Messer - Schneiden und Aufspiessen

- Messer; Email, Messing und Eisen, Niederlande, um 1620
Tafeln ohne Messer – undenkbar! Das Tafelmesser dient zum Schneiden und Aufspiessen der Nahrung, und mit den breiten Klingen der Vorlegemesser werden mundgerechte Häppchen verteilt. Noch ist das Klingenende spitz, denn Gabeln gibt es kaum. Kein Wunder, dass die meisten Tafelregeln vom Messer handeln, der einstigen Waffe. Nach Gebrauch sofort auf den Tisch legen, nur mit dem Griff nach vorn weiterreichen! In China spöttelt man: «Die Europäer essen mit Schwertern!»
1350-1650 Der Löffel - Vom Napf zum handlichen Gerät

- Löffel aus Messing; südliche Niederlande, 15. Jhdt.
Das friedlichste aller Essgeräte ist unentbehrlich für Suppe, Mus und Brei. Es entwickelt sich aus einem Napf mit kurzem Stiel, in den sich mehrere Tischgenossen teilten. Die ersten Löffel um 1400 haben kurze Griffe und sind meist aus Holz geschnitzt. Später verlängern sich die Griffe und man probiert neue Materialien aus, vor allem Bronze und Silber. Das Ende des Griffs wird gerne mit Figuren verziert: Apostel, Heilige, Madonna mit Kind.
1500-1800 Die Gabel - Auf der Suche nach der richtigen Form

- Gabel; Achat und Silber, Niederlande, 18. Jhdt.
Als die ersten Gabeln aufkommen, betrachtet man sie vielerorts als unnötigen Luxus, ja als «sündig». Vielleicht eine Folge davon, dass sie den Kurtisanen an französischen und italienischen Höfen zum Verspeisen von Konfekt dienten? Die Verzierungen dieser frühen Silbergabeln scheinen dieses Vorurteil noch zu stützen.
Bis die Gabel die uns heute vertraute Form annimmt, verstreichen rund drei Jahrhunderte. Die Form richtet sich nach den zweizinkigen Braten- und Vorschneidegabeln. Kleinere Gabeln mit drei Zinken erscheinen um 1600, solche mit vier Zinken um 1700. Noch sind die Zinken gerade, also zum «Aufladen» von Erbsen etc. ungeeignet. – Anders als beim Löffel gibt es keine volkstümlichen, allgemein erschwinglichen Versionen. Die frühen Gabeln sind durchwegs verziert, die Griffe aus Silber, Elfenbein oder mit Perlmutter belegt.
1600-1820 Mit leichtem Gepäck unterwegs - Reisebesteck

- Nécessaire de voyage, dit "d'officier", avec étui rond; argent, ivoire, fer et bois de rose, France, vers 1848
Im Mittelalter trugen Pilger einen geschnitzten Holzlöffel mit einem Kettchen am Gürtel befestigt: die Urform des Reisebestecks! Heutige Fluggesellschaften verwöhnen ihre Erstklasspassagiere mit Messern, Gabeln und Löffeln im Spezialdesign, das an ein Fünfsternhotel denken lässt. Die beiden Extreme zeigen klar: Essbesteck für unterwegs soll platzsparend, leicht und praktisch sein. Aber wo immer es die Umstände erlauben, soll der Reisende nicht auf den gewohnten Komfort verzichten müssen.
Prächtige Picknickbestecke in Körben, Lederfutteralen oder Kisten aus Leichtholz kamen vor allem im 19. Jahrhundert auf. Mit ihnen suchte man die beiden Extreme zu versöhnen: Essen unter improvisierten Umständen, aber mit Utensilien, die «Stil» hatten.
Nachfolger des Pilgerlöffels von einst sind die heutigen Picknick-Sets aus Plastik oder die verzapften Gabel-Löffel-Garnituren aus Leichtmetall, wie sie Wanderer oder Soldaten im Gepäck mittragen. Ihre Ergänzung: das Klappmesser mit mehreren Klingen und Geräten wie Korkzieher oder Büchsenöffner. Es gilt heute als Schweizer Spezialität: Das Swiss Army Knife mit dem weissen Kreuz ist weltweit erhältlich.
Der Abwasch: Wie sauber ist sauber?

- "Faire la vaisselle" a évolué au cours du temps
Im Mittelalter und darüber hinaus begnügte man sich damit, das selbst mitgebrachte Besteck sauberzulecken oder an der Serviette abzuwischen. Vom 17. Jahrhundert an hielten die Gastgeber Geschirr und Besteck bereit. Jetzt kam man nicht mehr ums Abwaschen herum. In vornehmen Haushalten geschah es sogar im Speisesaal und unter Aufsicht der Dame des Hauses: Die teuren Platten und Gläser sollten nicht Schaden nehmen, die kostbaren Besteckgriffe trocken bleiben!
Für den Abwasch standen Kübel oder Töpfe mit heissem und kaltem Wasser bereit. Als Saubermacher dienten Seife, Soda und Scheuersand. Die noch heute gebräuchliche Anordnung mit Tropfbrett, Ausguss und Wasserhahn kam erst um 1880 auf, zusammen mit der Verlegung von Wasserleitungen ins Haus.
Synthetische Spülmittel (Detergentien) kamen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg auf und machten das Abtrocknen von Hand weitgehend überflüssig. Aber erst die vollautomatische Spülmaschine, die nach 1950 Eingang in den Haushalt fand, übernahm beide Arbeitsschritte auf zufriedenstellende Weise. Der aufwendige Abwasch reduzierte sich auf zwei Vorgänge: Einräumen und Ausräumen.
Die Sprache von Gedeck und Besteck

- Le bénédicité: un instant de recueillement: En 1643, un peintre inconnu a exécuté cette scène. Elle montre le bailli zurichois Hans Konrad Bodmer avec sa femme et leurs nombreux enfants dans la salle à manger du castelet de Greifensee dans le canton de Zurich. (Musée national suisse, Zurich)
Das Besteck aus Gabeln, Messern und Löffeln macht zusammen mit Tellern, Gläsern und Serviette das Gedeck aus. Dieses oft kunstvoll angeordnete Ensemble hat seine eigene Sprache. Es gibt nicht nur über die zu erwartende Speisenfolge Auskunft, sondern widerspiegelt das soziale und kulturelle Prestige des Gastgebers. Zudem dient es der Kommunikation während des laufenden Service: Mit der Position von Messer und Gabel auf dem Teller gibt der Gast den Bedienenden zu verstehen, ob er den jeweiligen Gang abgeschlossen hat oder eine zusätzliche Portion wünscht.
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts schreiben immer präziser formulierte Regeln die passende Besteckgarnitur für die verschiedenen Mahlzeiten des Tages vor. Auch die Lage der Essgeräte mit Bezug auf den Teller folgt strengen Vorschriften. Zwar gibt es einzelne Abweichungen zwischen den nationalen Traditionen. Im Prinzip gilt aber die Regel «Von Aussen nach Innen»: Der Gast beginnt die Mahlzeit mit den zu äusserst liegenden Hilfsmitteln und arbeitet sich nach Innen vor. Da nicht mehr benötigtes Besteck nach den Gängen abgeräumt wird, schrumpft die anfänglich so prächtige Garnitur im Verlauf des Essens zusehends.
Das Besteck sprechen lassen

- Les expressions liées aux couverts sont mis en scène
Wie stark das Essen und die dazu benützten Geräte unseren Alltag prägen, zeigt die Vielfalt von Redewendungen und Sprichwörtern, die sich auf das Besteck beziehen. Er ist mit einem silbernen Löffel im Mund geboren, sagt man von jemandem, der in wohlhabenden Verhältnissen aufwuchs. Mir sitzt das Messer an der Kehle heisst: Ich bin in einer bedrohlichen Lage. Naturgemäss haben viele Redensarten direkt mit dem Essen zu tun. Mit der fünfzinkigen Gabel essen heisst es spöttisch von jemandem, der die Hand zu Hilfe nimmt.
Überzeugen Sie sich selbst: Der kleine Hörkrimi über die Nacht der langen Messer versammelt die einschlägigen Redensarten in einer spannenden, aber nicht ganz ernst gemeinten Geschichte!
Kurzlebige Skulpturen: die kunstvoll gefaltete Serviette

Ursprünglich auch zum Reinigen des Bestecks genutzt, gehört die Serviette immer mehr zum schmucken Gesamtbild der Tafel. Um 1900 wird sie oft in fantasievolle Formen gefaltet. Der Gast findet auf seinem Teller einen Schwan, einen Pfau oder eine Pyramide aus weissem Leinen vor. «Das erfreut nicht nur das Auge», heisst es in einem Haushaltbuch der Zeit, «sondern hilft auch mit, die anfänglich oft etwas steife Atmosphäre zu durchbrechen.» Die Eingeladenen haben einen unverfänglichen Gesprächsstoff, bevor sie das in aufwendiger Arbeit entstandene Kunstwerk in wenigen Sekunden entfalten.
Gutgestellte Familien engagierten für grosse Feste einen Tafeldecker, der den Tischschmuck gestaltete und die Dienstboten beim Falten der Servietten anleitete. Aufwendigste Variante: ein eigenes Sujet für jeden Gast! Aber auch bei einem einheitlichen Thema waren die Dienstboten für das Falten von einem Dutzend Servietten oft zwei bis drei Stunden am Werk.
Um 1880 erscheint in Berlin eine gedruckte Anleitung mit 27 Vorschlägen. Die Herausgeberin empfiehlt, das «Formen und Brechen der Servietten zu allerhand Figuren» im Familienkreis zu üben. Es handle sich hier um eine «kurzweilige und unterhaltende Beschäftigung».